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Das erklärte Ende der Inszenierung

Wie Kuoni versucht, die Glaubwürdigkeit der Fotografie zurückzuerobern

Mit einem Fotoshooting an einem magischen Ort inmitten der Wüste Ägyptens hat Kuoni eine neue Richtung in der Gestaltung seiner Bildwelten eingeschlagen. Erzählerische Inhalte sollen dabei die Scheinwelten der Werbung ablösen. Echtheit statt Künstlichkeit, Tiefgang statt Oberfläche lautet die Devise dieser neuen Ästhetik.

Es ist noch sehr früh am Morgen, kurz nach fünf Uhr, und eine unangenehme Kühle kriecht unter die Haut. Sie macht es schwer, zu erahnen, welch sengende Hitze später am Tag hier in der Wüste Ägyptens herrschen wird. Ein Tross von Fotografen, Kameraleuten, Models und Ausstattern macht sich noch etwas schlaftrunken an die Arbeit, deren Ergebnis eine neueBildsprache für die Reisewelt sein soll. Sie soll die Versprechungen einer Werbefotografie ersetzen, der vonseiten des Konsumenten mit immer mehr Skepsis begegnet wird. Bilder von perfekten Körpern in perfekter Kulisse perfekt in Szene gesetzt, dem normalen Leben entrückt, können keine Basis mehr sein für eine Identifizierung des potenziellen Kunden mit dem Dargestellten. Die Fotografie muss daher ihren Charakter verändern und die heutige Erwartungshaltung, mit der sie betrachtet wird, berücksichtigen. Kuoni hat deshalb seine Ästhetik überdacht und einen neuen Weg hin zu einer Bildsprache eingeschlagen, die Ehrlichkeit und echtes Leben in den Vordergrund rückt, anstatt ideale Beispiele zur Illustrierung der Märchen unserer Zeit abzugeben.

Das neue Fotografiekonzept von Kuoni setzt vor allem auf neue Motive, Themen und erzählerische Techniken. Fotografiert wurde in der Oase Siwa, die eine mehrstündige Autofahrt von der Küste entfernt inmitten der ägyptischen Wüste liegt. An diesem Ort, fernab der Zivilisation und dennoch durchweht vom Atem der Geschichte, fand Kuoni die geeignete Umgebung für eine moderne Geschichte von Freiheit und der Zeit enthobenen Rhythmen.

Laternen im Wüstensand leuchten den Weg


Die Ecolodge Adrère Amellal diente dabei nicht als schlichte Kulisse, sondern als ein Hauptdarsteller, dessen Charakter die Geschichte wesentlich mitbestimmt. Ein Kaufmann aus Kairo hat diesen Ort, der mit einem klassischen Luxushotel kaum etwas gemein hat, erschaffen. Wie ein traditionelles Dorf der Region aus Stein und Lehm errichtet, schmiegt es sich an den Fuss eines der beeindruckenden Berge mit ihren abgeflachten Gipfeln, die mächtig die Weite der Wüste überragen. Offene und geschlossene Räume, Innenraum und Aussenraum gehen fliessend ineinander über und erzeugen eine einzigartige Bauskulptur, die Geborgenheit schenkt vor der unwirtlichen, bedrohlichen Umgebung, der sie abgerungen wurde. Auf elektrischen Strom wurde dabei verzichtet, sodass man die Steckdose für den Rasierapparat vergeblich sucht. Und so leuchten im Dunkel der Nacht Laternen im Wüstensand den Weg, und Kerzen in den Zimmern erzeugen mit ihrer flackernden Wärme eine archaische Atmosphäre von Wohlsein, der man sich nicht entziehen kann und die an Ursprünge zurückführt. Gegessen wird gemeinsam mit anderen Gästen in grosser oder kleiner Runde, auf Terrassen, in Höfen oder direkt am Seeufer der Oase – und bisweilen lädt der Gastgeber und Eigner des Hotels auf einen Aperitif oder zum Diner in sein privates Haus ein. Serviert wird Traditionelles, dessen Zutaten auf dem eigenen Grund oder in der unmittelbaren Umgebung angebaut werden.

Adrère Amellal ist ein magischer Ort, dessen Rhythmen man sich unterwerfen muss, weil er keine andere Möglichkeit zulässt. Hier wird der Gast verwandelt, sein Leben entschleunigt und sein Dasein neu verortet. Und hierher also kommen zwei Reisende, Mann und Frau, um zeitweilig hinter sich zu lassen, was als zivilisatorischer Ballast ihr Leben bestimmt.