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Herausragend am Ausbruch des Eyjafjallajökull waren einzig seine wirtschaftlichen Konsequenzen – ein Schaden für die europäische Wirtschaft in Höhe von fünf Milliarden Franken. Vulkanologisch war er eine Fussnote – zehnmal geringer als der Ausbruch des Mt. St. Helens 1980 und hundertmal geringer als die Eruption des Pinatubo auf den Philippinen im Jahr 1992. Trotzdem wurden immerhin 140 Millionen Kubikmeter Material befördert, und dies mit einer maximalen Rate von 400 Tonnen pro Sekunde!

Hatten aus Ihrer Sicht die Behörden mit dem vollständigen Flugverbot überreagiert?
Peter Diethelm: Wahrscheinlich nicht, denn erstaunlicherweise waren keinerlei Grenzwerte für Vulkanasche definiert. Angesichts von jährlich etwa 50 tätigen Vulkanen, fast täglicher Vulkanausbrüche, bisher immerhin 90 bekannten Zwischenfällen mit Triebwerksausfällen und sieben Notlandungen kann solches Unterlassen nur als verantwortungslos taxiert werden.

Ohne Grenzwerte musste notgedrungen vorsichtig gehandelt werden. Wenn die dafür Verantwortlichen dereinst einmal ihre Hausaufgaben gemacht haben, wird man möglicherweise zum Schluss kommen, dass das mehrtägige Flugverbot mit zehn Millionen gestrandeten Passagieren übertrieben war. Damit hätten Milliardenschäden für unsere Volkswirtschaft vermieden werden können.

Hauptkriterien waren die Messung und der Grenzwert für Aschepartikel in einer Wolke. Wird es diesbezüglich künftig einheitliche Kriterien in Europa geben?
Peter Diethelm: Statt Führungsverantwortung stellen wir einmal mehr das übliche EU-Chaos fest. Gleiche Daten bezüglich der Aschekonzentration führten zu verschiedensten Schlussfolgerungen in den verschiedenen Ländern. Ausser Versprechungen der Politiker, zu handeln, ist kaum etwas geschehen.
Simulationsversuche mit Vulkanasche in Triebwerken sind angeblich für April und ein Treffen der Verantwortlichen für Dezember 2011 geplant.

Von der EU ist inzwischen ein Grenzwert übernommen worden, der auf Erfahrungen mit Sandstaub basiert. Sand aber hat einen höheren Schmelzpunkt als das Silikat in der Vulkanasche und lagert sich daher nicht als Glasschicht auf den heissen Turbinenschaufeln der Düsenaggregate ab. Dieser Grenzwert ist deshalb untauglich.

Bezüglich der Auswirkungen von Vulkanasche gibt sich die Triebwerkindustrie ratlos. Aus Kostengründen hat sie Tests am Boden bis heute unterlassen oder verweigert Auskünfte darüber. Künftiges Chaos ist also vorprogrammiert. Ohne wissenschaftliche Experimente und Messungen ist in Grossbritannien ein Grenzwert von zwei Milligramm pro Kubikmeter festgelegt worden. Die höchste Aschekonzentration über Mitteleuropa fand sich im Schweizer Luftraum mit 0,6 Milligramm pro Kubikmeter.

Gibt es andere Vulkane, die etwas Ähnliches bewirken können, und wie sollte die Flugbranche Ihrer Meinung nach darauf reagieren?
Peter Diethelm: Die allermeisten Vulkane sind vom explosiven Typ. Bei ihnen kann Asche bis in die Höhe von Luftstrassen geschleudert werden. Das Gefährdungspotenzial ist offensichtlich. Dank der weltweit neun tätigen Volcanic Ash Advisory Centres können Flugzeuge in der Regel um Aschewolken herumgeleitet werden. Wo dies wegen einer überraschenden Eruption nicht gelingt, kann ein seit Jahren im Handel erhältlicher Infrarotsensor einspringen, der Aschepartikel von anderen Teilen, wie Wasser und Schwefelsäure, unterscheiden kann. Das Gerät kostet 30 000 Franken und war – bislang – für die Fluggesellschaften zu teuer. Zudem muss der Druck seitens der Flugbranche auf die Triebwerkhersteller verstärkt werden, endlich verbindliche Grenzwerte zu definieren.